„Reduziere!“

Ein Wort welches gerade aktuell (leider) einen sehr hohen und subjektiv oftmals sehr negativen Stellenwert hat: „Reduzieren“

Auf das Fotografische bezogen ist das „weniger ist mehr“ meiner Meinung nach aber die wichtigste Lektion, die ich in all den Jahren in denen ich nun schon „Bilder mache“, lernen durfte.
Achtung: zum Anfang hole ich jetzt einmal ein wenig mit der Technik-Keule aus…

Die ersten Jahre (2003 bis 2015) habe ich ausschliesslich mit digitalen Spiegelreflexkameras Fotografiert. In meinem Shooting-Gepäck war immer ein Arsenal von Bodys mit Batteriegriffen, an denen die riesigen L-Objektive geschraubt waren, zeitweise schleppte ich mobile Blitzanlagen, Softboxen, Aufheller usw.*** durch die Gegend.

*** „Licht“ ist übrigens ein anderes Thema, dem ich mich sicherlich in der Zukunft einmal gesondert widmen werde

Jennifer 2015


Ab dem 06.05.2015 (durch die Exif-Daten habe ich das genaue Datum herausgefunden) änderte sich dies: wir hatten ein Shooting mit Jennifer auf einem weiten, freien Feld – die Sonne war greller als grell und stand höher als hoch. Ich wollte die aufgenommenen Fotos auf dem Display der Canon ansehen, was allerdings in dem vom Sonnenplaneten verursachten Flutlicht absolut nicht möglich war. Die Zeit war knapp, daher kam ich spontan auf den Gedanken meine kleine Fuji x100t (die ich eigentlich nur wegen der Making-of’s im Gepäck hatte) für die regulären Aufnahmen einzusetzen. Für alle Nicht-Technik-Affinen: man hat bei der Kamera die Möglichkeit, die aufgenommen Bilder auch im Sucher zu betrachten. Es funktionierte alles perfekt, außerdem hatte die kleine Kamera nur etwa ein Zehntel des Gewichtes, was den ganzen Ablauf wesentlich „leichter“ und flexibler machte.


Nach und nach ging ich dazu über die kleine Fuji immer öfter bei Modelshoots einzusetzen, denn sehr schnell fand ich auch Gefallen am „analogen“ Look der digitalen Bilder (mutmaßlich hier wurden wohl die Weichen für die spätere Zukunft gestellt).
An dieser Stelle darf auch nicht unerwähnt bleiben, das die Kamera keinen Zoom sondern nur eine Festbrennweite von 35mm hat und genau da sind wir also beim Thema „Reduktion“: kleine Kamera, kein Zoom, nur ein oder maximal zwei Festbrennweiten, kein externes Licht (Studio natürlich nicht mitgerechnet) – mehr Technik braucht kein Fotograf!

NYC’2019 mit Fuji X100F und Skyscraper, der aus dem Haupthaar spriesst



Auch heute noch ist die kleine Fuji in Form des Nachfolgers, der X100F immer mein treuer Begleiter und meine bevorzugte „Digitale“ (es gibt einfach keine Schickere).

Nachdem ich 2019 anfing, grossen Gefallen an der analogen Fotografie zu „entwickeln“, stolperte ich im Sommer 2020 zufällig bei unserem beliebten Kleinanzeigen-Portal über eine gerade veröffentlichte Anzeige für eine „Contax 139Quartz“. Bisher hatte ich den Begriff „Quartz“ immer nur mit Uhren in Verbindung bringen können – aber damit bin ich sicher nicht alleine.

Ein 49Euro tiefes flaches Loch sollte das gute (abgegriffene) Familien-Erbstück inclusive Zeiss 50/1.7 (!) in mein Finanzpolster reissen – aus dem Nachmittagsschläfchen im Schatten wurde nichts – nach einem High-Speed-Telefonat und nach 60 Kilometern Wegstrecke bei 42° Innenraumtemperatur in meinem Rostie (S123) war sie meine!


Ich habe inzwischen einige analoge Kameras, welche ich alle gerne einsetze (nur für die Vitrine (die ich nicht besitze) – kaufe ich sie mir nicht) aber neben meiner Rolleiflex für das Mittelformat ist die kleine Contax mit dem Zeiss immer noch meine erste Wahl. Mit dieser Kamera hab ich die letzten Monate wirklich sehr viele Aufnahmen gemacht – das Handling der Kamera ist toll und auf das nötigste Reduziert (ok, so ein Belichtungsmesser wie sie ihn hat ist schon hilfreich), aber mehr brauche ich nicht – sie ist leicht, kompakt, schick, mit solidem Gehäuse und das wichtigste: sie macht einfach Spaß!

three in a „row“


Für kleinen Preis hat sie inzwischen eine neue japanische Belederung bekommen (mir gefiel der Schrabbel-look sehr, aber die ständigen Kamerarückstände an den Fingern störten etwas), mein neuer 3D-Drucker hat mir über die verordneten Feiertage eine neue Augenmuschel und einen passenden Objektivdeckel für das Zeiss geprintet. Leider funktioniert der Bildzähler nicht mehr zuverlässig, weshalb ich mir inzwischen als Backup eine weitere 139Q und noch das Schwestermodell eine 137MD (jeweils 20€) zulegte.

Neben „Outdoor“ setze ich die Kamera übrigens auch gerne im Studio ein! Gepushte Filme wie der Kodak Tmax3200 oder Fomapan400 bringen mir genau den Look den ich will!

kleine Auswahl selbsterstellter Contax-Abzüge


(Achtung Werbung!) vier der 5 Postkarten-Motive, welche sich in meinem Shop finden, sind mit der Contax aufgenommen 😉

Philosophisches Fazit: mehr braucht man nicht! Durch das Reduzieren und Einschränken entstehen völlig neue Möglichkeiten.
Ich will keine technische Perfektion – digital geschasste Faktoren wie Rauschen und Unschärfe können ein grosses Plus an Stimmung erzeugen – #Mood ist das Schlüsselwort bzw. der Hashtag!
Die zeitlos, ikonischen Bilder der frühen Modefotografen entstanden doch auch minimalistisch und ohne viel Einsatz externer Technik…

Wer die Technik reduziert, hat mehr Kapazität sich mit dem Motiv, Bildaufbau und der Perspektive auseinanderzusetzen, muss gegebenenfalls improvisieren, kann nicht alles vorherbestimmen und das kann auch einfach mal Spaß machen und es entsteht etwas neues!
Ich freue mich, wenn ich mit „wenig“ viel bzw. das erreiche was ich will oder mir vorher gar nicht erträumt habe…


Holger